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Über Liebe und Leichen - Elsa Kremser & Levin Peter im Interview
Das in Wien ansässige Regie-Duo Elsa Kremser und Levin Peter feiert die Premiere ihres neuen Filmes WHITE SNAIL – ein semi-fiktionaler Spielfilm zwischen Liebe und Leichenhalle. In Locarno bekamen sie dafür den Spezialpreis der Jury und den Schauspielpreis, bei der VIENNALE den Erste Bank Film Award.
Ihre Vorgängerfilme SPACE DOGS und DREAMING DOGS sind im KINO VOD CLUB verfügbar, auch gemeinsam ermäßigt im Paket. Im Interview erzählen sie uns von dem Prozess mit ihren Laiendarsteller:innen, erschwerten Drehbedingungen in einer Leichenhalle und was ihre Arbeit inspiriert. Außerdem haben sie uns eine Kuratierung ihrer liebsten Filme aus unserem Repertoire vorbereitet.
Im Zentrum von WHITE SNAIL steht die Liebesgeschichte zwischen dem Model Masha (Marya Imbro) und dem Leichenbestatter Misha (Mikhail Senkov) in Belarus. Wie seid ihr zu diesem Ort und dieser Geschichte gekommen?
Elsa Kremser: Der Ursprung von WHITE SNAIL liegt in einer zufälligen Begegnung vor fast zehn Jahren. Mikhail Senkov wurde mir bei einer Belarus-Reise als Maler angekündigt. Durch eine Reihe ungewöhnlicher Zufälle lernte ich ihn wenig später in der Leichenhalle kennen, wo er damals arbeitete. Dort sah ich zum ersten Mal in meinem Leben einen toten Körper. Diese Erfahrung war zutiefst einschneidend – sie hatte mit meinen gewohnten Formen der Wahrnehmung von Leben und Tod kaum etwas zu tun und hat mich zugleich irritiert und fasziniert. Kurz darauf begegnete ich erstmals Mikhails großformatigen Ölgemälden. In ihnen verarbeitete er den menschlichen Körper, seine Makel und den Zustand des Todes mit einer Intensität und Sensibilität, die ich so noch nie gesehen hatte. Diese Eindrücke habe ich mit nach Wien genommen und ausführlich mit Levin besprochen. Sehr früh entstand daraus die Idee, diese Erfahrung in eine fiktionale Form zu übersetzen: die Begegnung eines jungen Menschen mit etwas, wozu wir in unserer Gesellschaft kaum Zugang haben – oder ihn bewusst vermeiden. Mich interessierte vor allem, was es bedeutet, diesen Blick zuzulassen: auf körperliches Vergehen, auf Schmerz, auf Sterblichkeit. In WHITE SNAIL finden diese Fragen innerhalb einer Liebesgeschichte Gestalt – als etwas zutiefst Persönliches, Intimes und Menschliches.
Beide sind Laien, haben aber in Locarno direkt den Schauspielpreis für ihre Darstellung erhalten. Du hast erzählt, wie du Misha kennengelernt hast. Wie war es mit Masha und wie war die Zusammenarbeit?
Levin Peter: Masha haben wir über TikTok gecastet. Während einer Recherche in Minsk, als die Grundzüge der Handlung bereits klar waren, haben wir gezielt nach jungen Frauen gesucht, die sich in sozialen Netzwerken auf eine eigenständige, ungewöhnliche Weise zeigen. Masha ist uns sofort aufgefallen, weil ihr Auftritt sich stark von dem anderer in ihrem Alter unterschieden hat – in ihrer Haltung, ihrem Rhythmus, ihrer Präsenz. Als wir sie persönlich trafen, wurde sehr schnell deutlich, dass sie auf eine besondere Weise zu Mikhail passen würde. Ihre Art zu sprechen, ihr Tempo, ihre Erscheinung – all das ergänzte sich mit ihm auf eine Spannung erzeugende, sehr organische Weise. Dass beide keinerlei Schauspielerfahrung hatten, war für uns kein Risiko, sondern ein zentraler Teil des Konzepts. Wir mochten sie genau so, wie wir sie kennengelernt haben. Wir haben sehr viel Zeit mit beiden verbracht, lange vor dem Dreh. Dabei wurde uns immer klarer, in welchen Momenten sie am stärksten sind – emotional, offen, präsent. Das waren nie gespielte Situationen, sondern ganz alltägliche Momente und Gespräche. Uns ging es nicht darum, dass sie sich selbst „spielen“, sondern darum, so nah wie möglich an ihre tatsächlichen Persönlichkeiten heranzukommen. Deshalb haben wir bewusst auf Proben verzichtet und sie von klassischen Schauspielkursen ferngehalten. Wichtig war uns auch, dass sie sich erst wirklich kennenlernen, wenn der Dreh beginnt. So konnte ihre Annäherung parallel zum Film stattfinden – als reale Begegnung, aus der sich Schritt für Schritt eine echte Beziehung entwickelt.
Hat das dann auch euren Prozess bei der Drehbuchentwicklung und den Dreh beeinflusst? Wie seid ihr hier vorgegangen?
Elsa Kremser: Ja, das war zentral für die gesamte Drehbuchentwicklung und den Dreh selbst. Wir haben ein Drehbuch ohne Dialoge geschrieben – dennoch war es extrem genau und sehr umfangreich. Wichtig war uns, viele unterschiedliche Möglichkeiten für den Verlauf der Handlung mitzudenken, um vor Ort mit Masha und Misha maximale Freiheit zu haben und wirklich auf das reagieren zu können, was zwischen ihnen entsteht. Sehr früh war klar, dass Zeit ein Kernelement dieses Prozesses sein musste. Wir wollten so chronologisch wie möglich mit ihnen arbeiten. Zunächst haben wir beide einzeln in ihren jeweiligen Lebenswelten porträtiert, bevor sie sich begegnet sind. Erst dann haben wir sie aufeinander treffen lassen – mit dem Ziel, dass ihr tatsächliches Kennenlernen der Dramaturgie des Drehs entspricht. So konnten sie jeden Tag etwas Neues über den anderen erfahren, Fragen stellen, auf die sie die Antworten noch nicht kannten. Das war für uns der Schlüssel: dass sie nicht etwas darstellen, sondern wirklich etwas erleben. Der Film konnte sich aus diesen realen Erfahrungen heraus entwickeln.
Man hat das Gefühl, dass hier Dokumentation und Spielfilm verschwimmen. Besonders die Kameraeinstellungen und der Schnitt spielen eine große Rolle – wie habt ihr gemeinsam diesen Stil entwickelt?
Levin Peter: Wir haben Mikhael Khursevich als Kameramann empfohlen bekommen; er lebt mittlerweile in Tbilisi, ist aber in Minsk geboren und aufgewachsen. Uns hat an seiner Arbeit gefallen, dass er sehr nah an den Figuren arbeitet, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen. Sein Blick richtet sich komplett nach dem Rhythmus und den Emotionen der Figuren. Mit ihm haben wir den gesamten Film aufgebaut. Es ging nie darum, bestimmte Bilder zu erzwingen, sondern darum, Szenen gemeinsam zu besprechen, die Räume zu erleben und zu überlegen, wie er Teil der Szene sein kann, ohne sie zu diktieren. Oft war er so autark in seiner Arbeit, dass wir gar nicht eingreifen konnten – und wollten. Beim Schnitt hat Stephan Bechinger, mit dem wir schon viele Filme zusammen gemacht haben, einen ähnlichen Ansatz verfolgt. Es war unser erster Spielfilm, den wir mit ihm geschnitten haben. Er hat sich intensiv darauf konzentriert, den Rhythmus der beiden Figuren herauszuarbeiten, ihnen ihre individuelle Kraft zu lassen. Die langen Takes boten manchmal nur begrenzte Schnittmöglichkeiten, aber Stephan hat daraus eine Erzählweise entwickelt, die den Figuren entspricht und ihre Beziehung in ihrer ganzen Tiefe sichtbar macht.
Habt ihr tatsächlich in einer Leichenhalle gedreht? Ist der Geruch so schlimm, wie man ihn sich beim Zusehen vorstellt?
Elsa Kremser: Ja, wir haben tatsächlich in einer Leichenhalle gedreht. Der Raum selbst ist erstaunlich neutral – zumindest im Vergleich zu dem, was man sich beim Zusehen vielleicht vorstellt. Der Geruch ist vorhanden, aber sehr viel weniger aufdringlich, als man sich vorstellen würde. Viel stärker prägend war die Atmosphäre: die Stille, die besondere Art der Lichtführung, die Gegenwart von etwas, das wir im Alltag kaum wahrnehmen. Diese Erfahrung war für uns entscheidend, weil sie die Intensität und die Authentizität der Begegnung zwischen den Figuren geprägt hat. Es ging nicht um Schockmomente, sondern darum, eine echte Beziehung zwischen Misha und Masha in einem Raum entstehen zu lassen, der auf sehr eigenartige Weise lebendig ist.
Gab es sonst besondere Herausforderungen bei der Fertigstellung dieses Filmes?
Levin Peter: Eine der größten Herausforderungen war, den Film gleichzeitig sehr genau vorzubereiten und zugleich so offen wie möglich zu lassen. Wir hatten ein umfangreiches, detailliertes Drehbuch, mussten aber jederzeit auf das reagieren können, was Masha und Misha vor Ort wirklich erlebten. Dabei ging es um Timing, Rhythmus und die emotionale Entwicklung der Figuren – und das lässt sich nicht strikt planen. Technisch gab es außerdem Herausforderungen: lange Takes, begrenzte Schnittmöglichkeiten, das Arbeiten in realen Räumen wie Wohnungen oder der Leichenhalle, wo Licht, Ton und Bewegungen sehr genau abgestimmt werden mussten. Gleichzeitig wollten wir den Film so natürlich wie möglich halten, ohne künstliche Inszenierung. Die Balance zwischen Vorbereitung, Flexibilität und Authentizität war für uns der zentrale, manchmal auch sehr anspruchsvolle Teil der Arbeit – aber genau daraus ist die besondere Tonalität von WHITE SNAIL entstanden.
Bei der VIENNALE‘25 hat WHITE SNAIL seine Österreichische Premiere gefeiert, ihr wart nach SPACE DOGS und DREAMING DOGS nun bereits zum dritten Mal mit einem Film vertreten. Hat dieses Festival einen besonderen Platz in eurem Herzen?
Elsa Kremser: Die VIENNALE war für uns schon lange ein sehr wichtiges Festival, lange bevor wir selbst begonnen haben, Filme zu machen. Für mich persönlich, als ich damals in Wien gelebt und studiert habe, hatte es schon immer eine besondere Bedeutung. Dass nun alle unsere drei gemeinsamen Langfilme dort gezeigt wurden, ist für uns eine große Auszeichnung. Noch wichtiger ist für uns aber der Austausch, der dort entsteht – mit internationalen Filmschaffenden, Kolleg:innen. Wir schätzen besonders das sorgfältig kuratierte Programm, das Filme aus aller Welt zugänglich macht, die man sonst oft kaum im Kino sehen kann. Auf diese Weise prägt die VIENNALE tatsächlich unser Kinojahr.
Könnt ihr euch an die ersten Filme erinnern, die euch so richtig beeindruckt haben? Was hat euch dazu inspiriert, Filme zu machen?
Levin Peter: Ich denke besonders an die Zeit, seit Elsa und ich uns kennen – das sind nun 16 Jahre, in denen wir gemeinsam Film studiert und Projekte realisiert haben. Während des Studiums und auch bei unseren letzten drei Filmen sind immer wieder bestimmte Namen aufgetaucht, die uns sehr geprägt haben. Dazu gehören Miguel Gómez, Pedro Costa und Carlos Reygadas. Ihre Arbeiten haben uns gezeigt, welche Möglichkeiten Film bietet, um Zeit, Raum und Emotion auf eine radikale, intensive Weise zu gestalten. Diese Inspiration begleitet uns bis heute in unserer eigenen Arbeit.
WHITE SNAIL feiert seinen offiziellen Kinostart in Österreich, seit seiner Premiere in Locarno hat er etliche Preise abgeräumt. Könnt ihr euch kurz auf dem Erfolg ausruhen oder arbeitet ihr bereits an einem neuen Projekt – und falls ja, könnt ihr bereits etwas darüber erzählen?
Elsa Kremser: Dass WHITE SNAIL nun weltweit so schöne Erfolge feiert und vor allem ein vielfältiges Publikum erreicht, freut uns extrem. Es war immer ein großer Traum, dass ein Projekt, das auf eine ungewöhnliche und durchaus risikobehaftete Weise entstanden ist, zu so einem Erfolg führen kann. Die internationale Anerkennung ist für uns vor allem ein Motor, weiter an neuen Projekten zu arbeiten, und eine Bestätigung unserer sehr unkonventionellen Arbeitsweise. Sie bestärkt uns darin, weiterhin auf unsere eigene Herangehensweise und unsere Bedürfnisse zu vertrauen. Wir arbeiten bereits an neuen Projekten, über die wir jedoch aktuell noch nicht sprechen.
In ihrer Kuratierung stellen uns Elsa Kremser und Levin Peter außerdem ihre liebsten Filme aus dem KINO VOD CLUB vor.
White Snail läuft ab 23. Januar im Kino. Paralllel zur Premiere im Stadtkino eröffnet im Funkhaus eine Ausstellung mit Arbeiten des Darstellers Mikhail Senkov im Wiener Funkhaus. Im Filmpaket Zwei Filme: Eine Perspektive – Space Dogs & Dreaming Dogs könnt ihr ihre zwei ersten Filme gemeinsam zum ermäßigten Preis anschauen – Viel Spaß beim Streamen!