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Zeitzeug:innen erzählen - in EIN DEUTSCHES LEBEN, MARKO FEINGOLD - EIN JÜDISCHES LEBEN und A BOY'S LIFE - KIND NUMMER B2826

Die Zeitzeug:innen-Portraits EIN DEUTSCHES LEBEN, MARKO FEINGOLD - EIN JÜDISCHES LEBEN und A BOY'S LIFE - KIND NUMMER B2826 sind einfühlsame Gespräche, die die Schrecken des Nationalsozialismus emotional näher bringen. Wichtige Zeitdokumente, die "Täter" und "Opfer" befragen und dabei versuchen, das Unverstehbare zu Verstehen. Die drei Dokumentarfilme gibt es bei uns nun gemeinsam in einem ermäßigten Filmpaket.

 

EIN DEUTSCHES LEBEN war das 2016 erste Zeitzeug:innen-Portrait, dem sich das Regieteam aus Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer und Florian Weigensamer widmete. Es ist ein Interview mit Brunhilde Pomsel, der Sekretärin von Joseph Goebbels – ein eindrückliches Zeitdokument zwischen Nähe und Distanz, das versucht zu verstehen.

“Populisten in aller Welt erfahren gegenwärtig wieder großen Zuspruch, rechtes Gedankengut ist überall auf dem Vormarsch. Die Erinnerungen Brunhilde Pomsels sind in Zeiten dramatischer politischer Umbrüche von beklemmender Aktualität. Ihre Lebensgeschichte konfrontiert uns mit der brisanten Frage nach der persönlichen Verantwortung für das politische Zeitgeschehen. EIN DEUTSCHES LEBEN beleuchtet die Banalität des Schreckens und ist eine Warnung aus der Vergangenheit an künftige Generationen.” (Regietext)

Auch mit jüdischen Überlebenden des Naziregimes hat das Regieteam Interviews geführt – MARKO FEINGOLD und Daniel Chanoch, der Zeitzeuge aus A BOY’S LIFE – KIND NUMMER B2826, überlebten etliche Konzentrationslager und schreckliche Gräueltaten. Ihre Geschichten stehen jener von Brunhilde Pomsel gegenüber, gemeinsam wichtige Zeitdokumente, um zu versuchen das Unaussprechliche zu verstehen, um nicht zu vergessen – und zukünftig zu verhindern. Alle drei Filme sind bei uns gemeinsam im Paket erhältlich.

Im Ray Filmmagazin hat Christian Krönes anlässlich von 25 Jahre Dok.at einen Text zu “Empathie und Distanz – Eine Grenzwanderung” bei seiner Dokumentarfilmarbeit geschrieben, den wir an dieser Stelle ergänzen wollen, weil er die gefühlvollen Nuancen in den Zeitzeug:innen-Portraits anschaulich beschreibt:

Dokumentarfilm pendelt zwischen Nähe und Distanz in der Beobachtung, die Beziehung zwischen Regisseur*in und Protagonist*in ist dafür ein entscheidendes Kriterium. Sie bestimmt nicht nur die künstlerische Qualität eines Filmes, sondern auch seine Glaubwürdigkeit und Wirkung. Der Dokumentarfilm arbeitet mit realen Menschen, die ihre eigene Geschichte und Würde mitbringen. Dies bedingt eine sensible wie respektvolle Interaktion. Empathie ist eine wichtige Voraussetzung für jedes authentische dokumentarische Porträt. Nur durch echtes Interesse am Gegenüber kann Vertrauen entstehen – eine Grundbedingung für Offenheit vor der Kamera. Die portraitierte Person muss sich sicher fühlen, um persönlich Gedanken, Verletzlichkeiten oder Erinnerungen preiszugeben. Doch Empathie allein genügt nicht. Es bedarf auch einer gewissen Distanz der Regie, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Es gilt Realität abzubilden und zugleich eigene Haltung zu vermitteln. Ein Beispiel dafür waren die Erfahrungen bei der Produktion Ein Deutsches Leben. Wir wussten, dass ein Portrait der Sekretärin von Propagandaminister Joseph Goebbels ein Wagnis mit ungewissem Ausgang darstellen würde. Brunhilde Pomsel war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 103 Jahre alt. Ihre Biographie steht stellvertretend für eine ganze Generation, die einem verbrecherischen System diente, ohne sich verantwortlich zu fühlen. Pomsel beschrieb sich selbst als „kleines Rädchen“, das „nichts gewusst“ habe – eine Formulierung, die oft in Biographien über diese Epoche auftaucht. Ihre Erzählung erforderte eine Kontextualisierung – Bilder von Kriegsverbrechen, Propaganda, Vernichtung, die ihre subjektive Erinnerung kontrastieren und das Publikum herausfordern würden, eigene Positionen zu beziehen. Empathie und Distanz wurden so zu den beiden wichtigsten Polen unserer filmischen Annäherung an diese außergewöhnliche Zeitzeugin. Empathie erlaubte uns, ihr zuzuhören; Distanz hinderte uns daran, ihr bedingungslos zu glauben. Diese Balance zu halten, war die eigentliche Herausforderung, welche nicht nur künstlerisch, sondern auch ethisch essentiell war. Brunhilde Pomsel war weder überzeugte Nationalsozialistin noch bloßes Opfer der Umstände, sondern ein Spiegel für die moralischen Ambivalenzen menschlichen Handelns in einem diktatorischen System. Es galt zu dokumentieren, wie sich Geschichte im Alltag, in Routine und Anpassung, in kleinen Schritten vollzieht. Im Schneideraum merkten wir, wie vielsagend neben den Worten auch die Pausen und andere Gesten waren. Wenn Pomsel stockte, schwieg, auswich, entstand jener Moment, in dem ihre Erinnerung offenbar in Selbstschutz überging. Diese Lücken waren teils aussagekräftiger als jedes Geständnis. Empathie und Distanz bildeten in diesem Film keine Gegensätze, sondern waren Angelpunkte, zwischen denen die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit oszillierte. Nur wer beides zulässt, kann begreifen, was geschehen ist – und verstehen, dass es jederzeit wieder geschehen kann.

Christian Krönes, 2025


Ein deutsches Leben

R: Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer, Florian Weigensamer / Dokumentarfilm 2016 / 113 min

Brunhilde Pomsel diente einem der größten Verbrecher der Geschichte. Von 1942 bis 1945 arbeitete sie im Propagandaministerium als Sekretärin für Joseph Goebbels und wurde im nationalsozialistischen Machtzentrum zur Zeugin des Untergangs. Sie spricht erstmals umfassend über Erlebnisse, Erfahrungen, ihre Ängste und Zweifel im engsten Zirkel um Hitlers Hetzer und Massenverführer.

 

Marko Feingold – EIn jüdisches Leben

R: Christian Krönes, Florian Weigensamer, Christian Kermer, Roland Schrotthofer / Dokumentarfilm 2020 / 114 min

Marko Feingold, geboren 1913, wuchs in der Wiener Leopoldstadt auf. Nach einer Lehre tingelte er mit seinem Bruder Ernst als Vertreter durch Italien. 1938 wurde er anlässlich eines Aufenthalts in Wien kurz nach dem Anschluss Österreichs von den Nazis verhaftet. Er überlebte die KZ Auschwitz, Neuengamme, Dachau und Buchenwald, wo er bis zur Befreiung 1945 interniert war. Nach dem Krieg wurde er zum Fluchthelfer für zehntausende ehemalige KZ Gefangene, die er von Österreich über die Alpen nach Italien und weiter nach Palästina schleuste. Er ist der älteste Jude Österreichs, Präsident der Jüdischen Kultusgemeinde der Stadt Salzburg und bezeichnet sich selbst als nicht besonders religiös.

 

A Boy’s Life – Kind Nummer B2826

R: Christian Krönes, Florian Weigensamer 2023 / 96 min

A BOY’S LIFE – KIND NUMMER B2826 dokumentiert die schicksalhaften Wendungen einer wohl einzigartigen Lebens- und Überlebensgeschichte. Es ist dies die Geschichte des neunjährigen Daniel und dessen Odyssee vom Ghetto im litauischen Kaunas über sechs Konzentrationslager bis nach Palästina. Daniel Chanoch ist erst neun Jahre alt, als seine Familie von den Nationalsozialisten deportiert wird. In Auschwitz-Birkenau arbeitet er an der Rampe, schafft die Toten auf Holzkarren zu den Krematorien, wird Vorzeigepatient des berüchtigten Dr. Josef Mengele und auf einen Todesmarsch Richtung Westen gezwungen. Zu Kriegsende wird er Zeuge von Kannibalismus in den österreichischen Lagern Mauthausen und Gunskirchen. Der Film wirft einen sehr persönlichen Blick auf eine der dunkelsten Epochen der Menschheitsgeschichte – durch die Augen eines Kindes, das nun keines mehr sein durfte.

Credits: Headerbild MARKO FEINGOLD - EIN JÜDISCHES LEBEN © Stadtkino Filmverleih